Marwan und Franz Bernhard: Gesichter, Köpfe und Figuren. Menschenbilder.  Artikel im kunstraum METROPOL II/2021

Balance

Ein Geleitwort zur Ausstellung MARWAN / FRANZ BERNHARD
im Kunst Kabinett Tiefenthal

Als Präsident der Universität der Künste Berlin – einer Institution, der der Künstler Marwan über viele Jahre als Professor für Malerei verbunden war – freut es mich ganz besonders dieser sorgfältig konzipierten Ausstellung im Kunst Kabinett Tiefenthal einige wenige Worte zum Geleit anheim zu stellen.
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In der Ausstellung und der sie begleitenden Publikation, die Sie gerade in den Händen halten, wird ein Dialog zwischen den beiden Künstlern Marwan (1934 -2016) und Franz Bernhard (1934 -2013) entwickelt. Es ist ein Austausch künstlerischer Perspektiven, der sich um das Sujet des menschlichen Kopfes entspinnt. Die jeweiligen Zugänge sind auf eindrückliche Weise eigenständig, erwachsen sie doch aus einer intensiven und langen Beschäftigung der beiden  Künstler mit diesem ganz speziellen künstlerischen Topos.
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So finden wir in Franz Bernhards umfassenden bildhauerischen Werk eine volumetrische Klarheit der dargestellten Leiblichkeit, dies bei reduzierter Materialwahl und hoher Abstraktion in der Gestaltung. Sie gewinnt durch die sorgfältige Bearbeitung der Oberflächen in Holz und Stahl neue Maßstabsebenen hinzu und gleitet so nie ins Mechanische ab. Das eigenständige zeichnerische Werk, welches nicht als Vorzeichnung der Skulpturen angefertigt wird, ist in der  Linienführung tastend, im Dargestellten körperhaft und bezeugt den künstlerischen Findungsprozess auf der Suche nach Gestalt. Die zeichnerische Spur steht dabei in einem maßstäblichen Verhältnis zu den bearbeiteten Oberflächen der Skulpturen, die über Prozess und angewandtes Werkzeug taktil Auskunft geben.

Bernhards Praxis sucht – wie er selbst sagte – das „anthropomorph Zeichenhafte“ und nicht den projektiven Abgleich einzelner Figuren zu einer vorgefundenen Realität. In ihrer semiotischen Anwendung stehen sie damit für eine umfänglichere Sichtweise, die den einzelnen Menschen ganzheitlich zu ergründen sucht. Die räumlich greifenden Figurenfragmente in Skulptur und Zeichnung bestechen durch eine innewohnende Spannung und oftmals auch spekulativer Tektonik der Elemente zueinander, jenseits gesicherter und offensichtlicher Gründungen.

Das Fallen, die Instabilität, die Fragilität und der stützende Bezug zu statisch wirksamen Elementen von Wand und Boden formen das Bild spannungsreicher individueller Körperannäherungen im Raum.
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Marwans malerisches Werk hingegen erschafft eine atmosphärisch dichte Beschreibung menschlicher Physiognomie aus additiv und sorgfältig gesetzten, fragmentierten Bildelementen, die in einem farblichen und formalen Verbund zueinanderstehen. Die Werke des syrischen Künstlers offenbaren aus unterschiedlichen Betrachtungsabständen jeweils eigenständige Bildinformationen, die sich aus einer Veränderung der Verbundwirkung von den sie konstituierenden bildnerischen Elementen herrühren.

In der Detailsicht überwiegt das einzelne, malerisch gesetzte Element in Abstraktion, welches in der Distanzbetrachtung sich zu immer figürlicheren Farbfeldern vereint. Der dabei entstehende Eindruck ist ein dynamisches Oszillieren zwischen figurativer und abstrakter Bildinformation, dabei sich einer eindeutigen ikonographischen Motivfixierung widersetzend. Ähnlich wie in den anamorphotischen Bildwerken der Renaissance ist für die umfängliche Erkundung des Bildes die räumliche Bewegung des Betrachters vonnöten, der sich so die verschiedenen Bildebenen schichtweise zu erschließen vermag.
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Was aber macht diese Ausstellung gerade jetzt so besonders und wirkungsvoll?

Es erscheint mir, dass das Motiv des menschlichen Antlitzes besonders geeignet ist dem Moment einer global geteilten Instabilität und Vereinzelung Ausdruck zu verleihen, denn in ihm zeigt sich auf eindrückliche Weise das Wesen der Pandemie, die seit einem Jahr die Welt beherrscht.

Die Reduktion menschlicher Kommunikationsfähigkeit durch eine von Masken eingeschränkte Physiognomie oder auch das flach gerasterte Pixelbild als (augen)-kontaktloses Abbild des Gegenübers führen zu einer Neubewertung menschlicher Nähe, Körperlichkeit und ganzheitlicher sinnlicher Erfahrungswelt, die eingespannt zwischen Kamera, Monitor und Tastatur unsere persönlichen Weltzugänge verengt.

Die Ausstellung MARWAN / FRANZ BERNHARD im Kunst Kabinett Tiefenthal spricht somit einerseits über die Fragilität, die unsere Existenz auszeichnet, sie spricht aber auch über die Möglichkeiten sinnlichen Erlebens, welche beide entlang eines Lebens beständig zueinander in Balance gesetzt werden müssen.

Diese Ausstellung ist gerade jetzt von Bedeutung, denn die ausgestellten Werke erreichen uns heute auf ganz besonders zwingende und wertvolle Weise, führen sie uns doch diese elementaren Bedingungen unserer Existenz auf künstlerische Weise vor Augen.

Dies gesagt wünsche ich der Ausstellung ein gutes Gelingen.

Berlin, im April 2021

Professor Dr. Norbert Palz

 

17.05.2020 Zu Besuch bei der Öffnung der Ausstellung:
v. r. Prof. Dr. Konrad Wolf, Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz,
Heinrich Mauersberger, Bgm. Frank Rüttger, Verbandsgemeinde Leiningerland, Wolfgang Thomeczek.
Foto: Schwalb

 

Blick in die Ausstellung. Foto: Feser


Hier finden Sie weitere Impressionen der BEGEGNUNG:



Fotos: Irmgard Schwalb / Rainer Feser

 

Beachten Sie auch die Presseartikel zu dieser Ausstellung.

 

Foto: Veronika Thomeczek

Heinrich Mauersberger

BEGEGNUNG – LEININGERLAND

Vom 17. Mai 2020 bis 12. September 2020 präsentierte das KunstKabinett Tiefenthal die Werke des in Leipzig lebenden Malers Heinrich Mauersberger. In der Ausstellung wurde dokumentiert, wie fremde Augen die 21 Orte und 8 Ortsteile der Verbandsgemeinde Leiningerland sehen. 30 Leinwandarbeiten im Format 40 x 30 cm und eine großflächige Arbeit sind entstanden, in der der Künstler die Eindrücke seines achtwöchigen Aufenthaltes im Leiningerland verarbeitet hat. Das Besondere: mit seiner Art von Kunst, die en plen air, also draußen entsteht, ist er ein Landschaftsmaler im 21. Jahrhundert.

Der Titel BEGEGNUNG wurde bewusst für diese Ausstellung gewählt, denn in der neuen Verbandsgemeinde Leiningerland treffen sich unter anderem: Bauhausarchitektur und Fachwerk, Burgen und Art déco, Hofgüter und Jugendstil, Romanik und Industriearchitektur, Kirchen und Weinbau und nicht zu vergessen, die Begegnung mit den Menschen.

Foto: Veronika Thomeczek

Heinrich Mauersberger, 1987 in Leipzig geboren, war nach seinem Studium der Malerei in der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Prof. E. Hopfe und Prof. R. Kerbach, Meisterschüler in der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Annette Schröter. Seit 2013 diverse Einzel- und Gruppenausstellungen in Leipzig, Dresden, Frankfurt/Main, Berlin, Hamburg, Zürich, Art Karlsruhe.

 

 

 

 

Beachten Sie auch die Presseartikel zu dieser Ausstellung.

 

Foto: Veronika Thomeczek

Heinrich Mauersberger

BEGEGNUNG – LEININGERLAND

Das KunstKabinett Tiefenthal zeigt die Werke des in Leipzig lebenden Malers Heinrich Mauersberger. In der Ausstellung wird dokumentiert, wie fremde Augen die 21 Orte und 8 Ortsteile der Verbandsgemeinde Leiningerland sehen. Es werden etwa 30 Leinwandarbeiten im Format 40 x 30 cm und eine großflächige Arbeit entstehen, in der der Künstler die Eindrücke seines sechs- bis achtwöchigen Aufenthaltes im Leiningerland verarbeitet. Das Besondere: mit seiner Art von Kunst, die en plen air, also draußen entsteht, ist er ein Landschaftsmaler im 21. Jahrhundert.

Der Titel BEGEGNUNG ist bewusst für diese Ausstellung gewählt, denn in der neuen Verbandsgemeinde Leiningerland treffen sich unter anderem: Bauhausarchitektur und Fachwerk, Burgen und Art déco, Hofgüter und Jugendstil, Romanik und Industriearchitektur, Kirchen und Weinbau.

Foto: Veronika Thomeczek

Heinrich Mauersberger, 1987 in Leipzig geboren, war nach seinem Studium der Malerei in der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Prof. E. Hopfe und Prof. R. Kerbach, Meisterschüler in der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Annette Schröter. Seit 2013 diverse Einzel- und Gruppenausstellungen in Leipzig, Dresden, Frankfurt/Main, Berlin, Hamburg, Zürich, Art Karlsruhe.

 

 

Malog – Neue Mitte Tiefenthal

 

 

„Mit dieser Skulptur in der Ortsmitte von Tiefenthal möchte ich den Alltag beleben und inspirieren, einen unverwechselbaren und lebendigen Ort der Begegnung für Menschen unterschiedlicher kultureller Provenienzen, Interessen und Erfahrungen schaffen und zur Diskussion anregen.“

Robert Schad

 

MALOG – die Stahlskulptur des Bildhauers Robert Schad wurde ausschließlich durch Spenden und Sponsoren finanziert.

Wolfgang Thomeczek
Initiator

 

„MALOG“ – ein Fingerzeig funkensprühenden bürgerschaftlichen Engagements.

Markus Clauer
Die Rheinpfalz – Februar 2019

 

„Robert Schad nimmt mit seinen unvergleichlichen Werken eine wichtige Position in der Gegenwartskunst ein. Sein Interesse, Arbeiten für bestimmte Orte mit der Intension eines vielgestaltigen Zusammenspiels von Kunstwerk, Umraum und Betrachter zu entwickeln, wird mit MALOG erneut ausdrucksstark manifestiert.

Die eigens für Tiefenthal geschaffene Stahplastik repräsentiert auf bemerkenswerte Art und Weise bürgerschaftliches Engagement und bereichert die
›Kunst im öffentlichen Raum‹.

Dr. Annette Reich
stellv. Direktorin MPK
Museum Pfalzgalerie
Kaiserslautern – Mai 2019

Rober Schad – MALOG

Rathausplatz Tiefenthal
Enthüllung am 19.05.2019

Am 19.05.2019 fand parallel zur Ausstellungseröffnung im Kunstkabinett Tiefenthal die Enthüllung der Skulptur MALOG auf dem Rathausplatz Tiefenthal statt.

Hier finden Sie einige Eindrücke von der Enthüllung.

 

 

Fotos: Rainer Feser

 

Malog – Neue Mitte Tiefenthal

 

 

„Mit dieser Skulptur in der Ortsmitte von Tiefenthal möchte ich den Alltag beleben und inspirieren, einen unverwechselbaren und lebendigen Ort der Begegnung für Menschen unterschiedlicher kultureller Provenienzen, Interessen und Erfahrungen schaffen und zur Diskussion anregen.“

Robert Schad

 

MALOG – die Stahlskulptur des Bildhauers Robert Schad wurde ausschließlich durch Spenden und Sponsoren finanziert.

Wolfgang Thomeczek
Initiator

 

„MALOG“ – ein Fingerzeig funkensprühenden bürgerschaftlichen Engagements.

Markus Clauer
Die Rheinpfalz – Februar 2019

 

„Robert Schad nimmt mit seinen unvergleichlichen Werken eine wichtige Position in der Gegenwartskunst ein. Sein Interesse, Arbeiten für bestimmte Orte mit der Intension eines vielgestaltigen Zusammenspiels von Kunstwerk, Umraum und Betrachter zu entwickeln, wird mit MALOG erneut ausdrucksstark manifestiert.

Die eigens für Tiefenthal geschaffene Stahplastik repräsentiert auf bemerkenswerte Art und Weise bürgerschaftliches Engagement und bereichert die
›Kunst im öffentlichen Raum‹.

Dr. Annette Reich
stellv. Direktorin MPK
Museum Pfalzgalerie
Kaiserslautern – Mai 2019

 

Robert Schad
Skulptur – Zeichnung

Ausstellung vom 19. Mai – 16. Juni 2019

 

Rober Schad – MALOG

Rathausplatz Tiefenthal
Enthüllung am 19.05.2019

Am 19.05.2019 fand parallel zur Ausstellungseröffnung im Kunstkabinett Tiefenthal die Enthüllung der Skulptur MALOG auf dem Rathausplatz Tiefenthal statt.

Hier finden Sie ein paar Eindrücke von der Enthüllung.

 

 

Fotos: Rainer Feser

 

Auszug Katalogtext
Prof. Wolfgang Ullrich

„DIE ROS IST OHN WARUM“

Annette Schröters autonome Kunst

Annette Schröter - Rosenlaube

»ROSENLAUBE« 2018 Papierschnitt, zweiteilig 280 x 290 cm

Dass Annette Schröter für ihre Ausstellung im Kunstkabinett Tiefenthal Gemälde und Scherenschnitte ausgewählt hat, die sich alle mit dem Sujet der Rose befassen, verführt gleich doppelt dazu, den dänischen Märchenerzähler Hans Christian Andersen ins Spiel zu bringen. Als große Doppelbegabung schuf nämlich auch er zahlreiche, oft aufwendige, ebenso phantasievolle wie virtuose Scherenschnitte; zudem hinterließ er einige Märchen, die von Rosen handeln. Eines trägt den Titel „Die Schnecke und der Rosenstock“, und in ihm bekommt die Schnecke eine ziemlich unsympathische Rolle zugewiesen. Wiederholt mäkelt sie an dem Rosenstock herum, der im selben Garten wächst, in dem sie ihr Revier hat. „Der Rosenstock bleibt bei den Rosen, weiter kommt er nicht“, macht sie sich lustig, da gebe es doch „gar keinen Fortschritt“. Aber so sehr der Rosenstock seine Bestimmung darin hat, immer neu auszutreiben, so sehr genießt er es auch, anderen mit seinen Blüten eine Freude zu bereiten. Gegen Ende seines Lebens erinnert er sich, was für eine große Bedeutung einzelne seiner Rosen für Menschen hatten. Zwar vermag er auf die kritische Frage der Schnecke, weshalb er blühe „und wie der Hergang beim Blühen ist; warum so und nicht anders“, keine Antwort zu geben, aber immerhin verkündet er: „Ich blühe in Freude, weil ich nicht anders konnte.“ Damit erscheint Andersens Märchen wie das Echo eines berühmten Verses des Mystikers Angelus Silesius. Im Jahr 1657, heißt es bei ihm in „Der Cherubinische Wandersmann“ (Nr. 289): „Die Ros ist ohn warum; sie blühet, weil sie blühet.“ Ihr Blühen bedarf keiner Herleitung oder Begründung, es genügt sich selbst, ist also nicht von einer externen Rechtfertigung abhängig. Die Rose als besonders schönes Stück Natur wird zur Metapher für die Kunst: Beides entsteht, einfach weil es entsteht, auch unabhängig davon, ob es ein Publikum dafür gibt oder was dieses sich vielleicht wünscht. Noch so viele Schnecken und Mäkler mögen unzufrieden sein und immer noch mehr und noch anderes verlangen, doch der besondere Reiz einer Rose sowie eines Kunstwerks besteht gerade darin, sich nicht nach fremden Erwartungen zu richten und sich nicht anzudienen. (…)


„Die Metamorphose der Tiefenthaler Rose“, 2018,
M1 – M8, Papierschnitte 30x30cm

 

Diesen Geist autonomer Kunst bringen Annette Schröters Rosenbilder eindringlich zur Geltung. In ihren Scherenschnitten entwickelt sich eine Form aus der anderen, alles wächst und wuchert und nimmt dabei zum Teil Dimensionen an, die die Größe jedes Menschen übersteigen. So hat „Rosenlaube“ (2018) eine Höhe von fast zweieinhalb Metern und erstreckt sich über zwei Wände. Bänke und Gitter, also zweckgebundene Artefakte, werden von der Natur ganz selbstverständlich in Besitz genommen, obenauf brechen einige Rosen das Schwarz-Weiß des sonstigen Scherenschnitts (wie sonst nur noch eine grüne Wiese im unteren Teil) mit kräftig leuchtenden Farben. Das wirkt, als würde die Autonomie – das Blühen um seiner selbst willen – über alles andere triumphieren, nicht zuletzt über Batman-Mützen, die auf den Bänken liegen und die – genau wie die Schnecke in Andersens Märchen – für ein ganz anderes Prinzip stehen. Batman ist zwar viel aktiver und engagierter als jene Schnecke, aber genauso überzeugt davon, dass die Welt an sich schlecht ist, und genauso voller Unverständnis über ein Leben, in dem nichts aus Überzeugung und Berechnung, sondern alles aus sich selbst heraus geschieht. (…) Annettes Schröters Werke sind autonom genug, um auch dem Betrachter zu mehr Autonomie zu verhelfen.

 

Annette Reich

K.O. Götz – „Malerei im Urzustand“ und
Michael Dekker – Expressive Skulpturen

Spontan, kraftvoll und dynamisch zeigt sich die Handschrift von K.O. Götz und Michael Dekker. In der Ausstellung im KunstKabinett Tiefenthal treffen zwei abstrakte künstlerische Positionen aufeinander, die in ihrer generationenübergreifenden, faszinierenden Gegensätzlichkeit Bewegung in Fläche und Form sowie eine individuelle raumgreifende Gestik in den Mittelpunkt ihrer Aussage stellen.

Michael Dekker „ACT“, 2015, Bronze, lackiert

Malerei von K.O. Götz und Skulpturen von Michael Dekker in Beziehung zu setzen, erscheint zunächst überraschend, ja gewagt. Eine etablierte, feste Größe innerhalb der Kunstgeschichte wird hier mit einem jungen, zukunftsorientierten Künstler in Verbindung gebracht. Umso anregender gestaltet sich dieser überaus reizvolle Dialog. Zum einen erscheinen Dekkers variantenreiche Formfindungen als „Raumzeichnungen“, ganz so als übertrage der Plastiker das malerische Prinzip von Götz in die dritte Dimension. Tatsächlich jedoch bewahren die Arbeiten von Michael Dekker eine unverkennbare Eigenständigkeit. Zum anderen vermag diese Begegnung gestische Abstraktion in Vergangenheit und Gegenwart auf kongeniale Art und Weise zu veranschaulichen. Der Aufbruch zu Neuem, den K.O. Götz als wichtiger Repräsentant der Nachkriegsavantgarde verkörpert, ist Grundlage und zugleich Ausgangspunkt für weitere Generationen. Das KunstKabinett beweist einmal mehr ein feines Gespür bei der Auswahl der Künstler und ihrer Werke und garantiert so ein außergewöhnliches Wahrnehmungserlebnis.

K.O. Götz – SENZA TITOLO, 1961

Die künstlerische Intention von K.O. Götz bringt Professor Karin Götz (Künstlername Rissa), die 1960 seine Schülerin wurde und die er 1965 geheiratet hatte, wie folgt auf den Punkt: „Seine Malerei ist ungegenständlich […]. Sie ist ohne konstruktives Motiv oder dessen Andeutung und hat nur ein Ziel: die variable Auflösung des klassischen Formprinzips. Es ist reine Malerei im Urzustand, flüssig und spontan, intelligent und expressiv.“ Richtet man seinen Blick auf das kraftvolle Blatt „SENZA TITOLO“, 1961, in Mischtechnik auf Karton ausgeführt, dann rauscht von rechts oben eine breite schwarze Farbfläche heran, die am Blattende ausläuft und als schmalere weiße Farbbahn mit verdichteten geschwungenen Formationen in entgegengesetzter Richtung endet. Ähnlich kraftvoll und formal erstaunlich nahe an dieser informellen Handschrift zeigt sich Michael Dekkers Skulptur „ACT“ von 2015.

Das Agieren im Raum per se und damit Handlung, verkörpert ein weiteres Werk. Die lackierte Bronzeskulptur „ACT“ aus dem Jahre 2015 beschreibt in ihrer offenen, abstrakten Form
Bewegung und Dynamik. Man mag sich beispielsweise an eine tänzerische Figur erinnert fühlen. „ACT“ bezeichnet auch einen Akt in einem Theaterstück. Weitere Assoziationen sind möglich und intendiert. Die rötlich-blau changierende Oberfläche unterstreicht in ihrer bewegten Rhythmik die Aussage. Dekkers Skulpturen stehen für Handlungs- bzw. Bewegungs(spiel)räume; sie sind der Inbegriff von Bewegungsfreiheit, von variablem, freiem künstlerischem Agieren.

Michael Dekker „Embrace me now“, 2016, Corten

Hervorzuheben ist an dieser Stelle die geistige Verwandtschaft mit K.O. Götz, der zu denjenigen Künstlern gehört, die Michael Dekker sehr schätzt. Die schnelle und unmittelbare, die bewusste und unbewusste, die spontane und durchdachte Bewegung wirken bei einer jeweils individuellen, freien Handschrift beider Künstler zusammen. Als Ergebnis offenbart sich eine eigenständige expressive Form findung in der Fläche und im Raum.

Zu Michael Dekkers Intentionen gehört es außerdem, durch Gegensätze und Kontraste, Irritationen hervorzurufen, Sehgewohnheiten zu brechen.

Grußwort von Prof. Dr. Konrad Wolf

Mit dem Motto „Industrie-Kultur“ begibt sich der Kultursommer Rheinland-Pfalz 2018 auf die Spurensuche nach den kulturellen Veränderungen der letzten 200 Jahre und spinnt damit den Faden nach unserer Herkunft, dem Entstehen und der Wandlung unserer Identitäten weiter.

In erster Linie sind es die Sinne, mit denen wir uns die Welt erschließen. Dabei wird jedoch schnell deutlich, was Karl Marx schon 1844 festgestellt hat, dass die menschlichen Sinne nicht ausschließlich natürlich sind, sondern dass sie sich entwickelt haben und geschult werden können: „Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte“, so resümiert Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten.

An der (Aus)Bildung dieser 5 Sinne, insbesondere des Sehsinns, aber auch des Geschmacks- und des Hörsinns, hat der Künstler und Galerist Wolfgang Thomeczek einen spezifischen Anteil, seit er 2008 das
Kunst KabinettImTurm und in dessen Nachfolge das KunstKabinett Tiefenthal als Ausstellungsort etabliert hat. Wolfgang Thomeczeks Anspruch und außer gewöhn lichem Engagement ist es zu verdanken, dass wir unsere Sinne an Werken ausgezeichneter Künstler und Künstlerinnen wie Franz Bernhard, Emil Cimiotti, Karl Otto Götz oder Jacqueline Diffring, Barbara Klemm, Anka Kröhnke, Robert Schad schärfen konnten.

Auch in diesem Jahr unterstützt Wolfgang Thomeczek den Kultursommer mit einem ausgefallenen Projekt. Es ist ihm gelungen, mit K.O. Götz und Michael Dekker, Chris Jarrett und Erwin Ditzner vier mit Rheinland-Pfalz verbundene großartige Künstler und ihre Werke zu einem Dialog zusammenzubringen, der vom Kultursommer Rheinland-Pfalz gefördert wird. Auf das Ergebnis dürfen wir gespannt sein. Allein über K.O. Götz, Jg. 1914 – einer der Hauptvertreter der informellen Malerei, ja einer der bedeutendsten bildenden Künstler in Deutschland überhaupt und Verfasser eines umfassenden kunsthistorischen und kunstpsychologischen Werkes – der 2017 verstarb in seiner rheinland-pfälzischen Wahlheimat, ließe sich eine unglaubliche Lebensge schichte schreiben, in denen die wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen. Seine Kunstwerke mit denen des jungen auf strebenden Bildhauers Michael Dekker zusammen zuführen, mag überraschen und irritieren, aber das ist gewollt; es eröffnet uns neue Perspektiven und erweitert unseren Horizont.

Wolfgang Thomeczek danke ich für die Realisation dieses außergewöhnlichen Projektes an diesem wunderbaren Ort, dem ich viele begeisterte Besucherinnen und Besucher wünsche.

Prof. Dr. Konrad Wolf
Minister für Wissenschaft,
Weiterbildung und Kultur

 

 

Schwingung Stahl

Robert Schad arbeitet in der Tradition der Stahlplastiker. Waren es kurz nach seiner Studienzeit noch vorgefertigte Eisen- und Stahlelemente, die er zu fragilen Gerüsten, eher Gestellen, und bald auch zu strenger geometrisierten Konstruktionen montierte, so tauchen doch relativ schnell die Merkmale seines unverwechselbaren Personalstils auf: Gerade Teile – Segmente massiven Vierkantstahls verschiedener Stärken – werden so verbunden und zusammengeschweißt, dass ihre versteiften Gelenke immer neue Richtungen vorgeben.

Dieses generative Prinzip ist zeichnerisch angelegt. Was die Wachskreide auf dem Papier, der Lack auf Stahlblech, kann auch der Stahl im Raum. Der Bauplan des Architekten hat schließlich und in der Regel den Bau zur Folge. Es gilt der künstlerische Infektionsweg: vom Kopf in die Hand in den Raum.

Es bleibt jedoch nicht allein bei der funktionalen Logik einer Umsetzungskette, die Robert Schad mit seinen Arbeiten im Auge hat. Für ihn ist der Stahl Mittel zum Zweck, also von der ihn treibenden Idee her nicht einmal das Wichtigste. Der Künstler handelt offensichtlich gegen das Materialselbstverständnis des Stahls. Denn die Vorgabe geht – wenn man so will – in einer Gravitationsignoranz auf, die lautet: Man darf diesem Material weder seine Schwere, sein Gewicht oder seine Masse anmerken, noch die enorme technische und physische Anstrengung, die seine Konstruktion erfordert hat. So waltet hier schlicht und einfach das Prinzip der Perfektion, das sich dem Unmög lichen stellt und dessen Realisation stets leicht und anstrengungsfrei daher kommen lassen will, so wie man es von Zauberern und Magiern her kennt, die mit einem Finger schnipp ganze Lokomotiven verschwinden oder wieder auftauchen lassen können. Die Perfektion hat nur ein Ziel: sie lässt jede Anstrengung, die Höchstleistungen einfordern, verpuffen.

So ein Magier ist Robert Schad, wenn er tonnenschwere Stahlkonstruktionen in luftig emporstrebende Optik verwandelt. Schon die Künstler der Gotik und ihr Flamboyant- Stil haben das – aus mehr transzendentalen Gründen – in Stein versucht. In beiden Fällen geht es um die Aufhebung von erdgebundener Last und Schwere und deren beider Übergang in erlösend himmlische Leichtigkeit, sprich Immaterielles.

Es ist genau die Arbeit an diesem Übergang, die Robert Schad interessiert. Hier spielen Auflager und Balancen eine Rolle, der Umgang mit zentrobaren und zentripedalen Kräften, aber auch ein träumerischer Wille zur Aufhebung aller Last und Schwere. Die Assoziation eingefrorener Choreografien, festgehaltener Bewegungsspuren, Stand – bilder, die sich weiterdenken lassen in einem Film, Wachstumsphasen, Partituren oder Notationen melodisch-melismatischer Ereignisse, all dies kann den Transit aus dem präsenten Material beflügeln.

Robert Schads Stahlplastiken sind transitorisch angelegt, erzählen von Spuren und Verläufen, die vor ihrer stählernen Erstarrung Zeitprinzipien unterlagen und jetzt, eingefroren im Stahl, Rechenschaft über ihr ehemaliges zeitliches Vorhandensein abgeben und dokumentieren. Alles, was sich irgendwann einmal in der Zeit aufgehalten hat, kann hier und jetzt assoziiert werden. Biologisches und kristallines Wachstum, physische, psychische und genetische Prozesse, verstreckte Molekülketten, Brownsche Bewegung, generell Frequenzen, sogar DAX-Kurven, alles scheint in die Gelenke und Segmente der Stahlkonstruktionen implementierbar zu sein. So entstehen Glieder – puppen ökologisch-ökonomischer und psycho-physischer Seinszustände, die nie ihren Bezug zur atmenden Natur und Anthropologie vergessen haben.

Schwingung Patina

Bewegung und Akustik, Tanz und Musik, sind die wichtigsten, eingefrorenen Schwingungsverhältnisse in der Optik der Stahlplastiken von Robert Schad. Aber es gibt noch ein wichtiges, jedoch wenig beachtetes Schwingungspotenzial, das mit der Be ar – beitung der Metalloberfläche zusammenhängt. Denn jede Oberflächenbehandlung transportiert auf ihre Art weitere ästhetische Signale einer künstlerischen Haltung.

So ist Robert Schad, wie viele seiner Künstlerkollegen, an der Patina seiner Objekte interessiert und gibt oder lässt so dem Stahl bewusst eine weitere, zeitgebundene Offenbarungschance. Denn mit dem Oberflächenrost der Patina, dem oxidierten, mit Luft kollidierten Stahl also, kommt etwas in die Objekte, das ihnen, ja, so etwas wie einen Atemnachweis bescheinigen könnte. Es ist wie ein memento mori, wie die Erinnerung an die Vergänglichkeit, aber auch gleichzeitig die Erinnerung an die Rest beseelung eines (scheinbar) toten Materials – und immer ist es ein Hinweis des Stahls auf seinen Willen zum Weiterleben, solange es seine Umgebungsrealität zulässt.

Herbert Köhler (*1953)
Musikwissenschaftler und promovierter Kunsthistoriker
Arbeitet als Kunst- und Kulturpublizist für Rundfunk, Print-
und elektronische Medien

Gewähltes Mitglied der AICA (Association internationale des critiques d’art)