Marwan und Franz Bernhard: Gesichter, Köpfe und Figuren. Menschenbilder.  Artikel im kunstraum METROPOL II/2021

Balance

Ein Geleitwort zur Ausstellung MARWAN / FRANZ BERNHARD
im Kunst Kabinett Tiefenthal

Als Präsident der Universität der Künste Berlin – einer Institution, der der Künstler Marwan über viele Jahre als Professor für Malerei verbunden war – freut es mich ganz besonders dieser sorgfältig konzipierten Ausstellung im Kunst Kabinett Tiefenthal einige wenige Worte zum Geleit anheim zu stellen.
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In der Ausstellung und der sie begleitenden Publikation, die Sie gerade in den Händen halten, wird ein Dialog zwischen den beiden Künstlern Marwan (1934 -2016) und Franz Bernhard (1934 -2013) entwickelt. Es ist ein Austausch künstlerischer Perspektiven, der sich um das Sujet des menschlichen Kopfes entspinnt. Die jeweiligen Zugänge sind auf eindrückliche Weise eigenständig, erwachsen sie doch aus einer intensiven und langen Beschäftigung der beiden  Künstler mit diesem ganz speziellen künstlerischen Topos.
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So finden wir in Franz Bernhards umfassenden bildhauerischen Werk eine volumetrische Klarheit der dargestellten Leiblichkeit, dies bei reduzierter Materialwahl und hoher Abstraktion in der Gestaltung. Sie gewinnt durch die sorgfältige Bearbeitung der Oberflächen in Holz und Stahl neue Maßstabsebenen hinzu und gleitet so nie ins Mechanische ab. Das eigenständige zeichnerische Werk, welches nicht als Vorzeichnung der Skulpturen angefertigt wird, ist in der  Linienführung tastend, im Dargestellten körperhaft und bezeugt den künstlerischen Findungsprozess auf der Suche nach Gestalt. Die zeichnerische Spur steht dabei in einem maßstäblichen Verhältnis zu den bearbeiteten Oberflächen der Skulpturen, die über Prozess und angewandtes Werkzeug taktil Auskunft geben.

Bernhards Praxis sucht – wie er selbst sagte – das „anthropomorph Zeichenhafte“ und nicht den projektiven Abgleich einzelner Figuren zu einer vorgefundenen Realität. In ihrer semiotischen Anwendung stehen sie damit für eine umfänglichere Sichtweise, die den einzelnen Menschen ganzheitlich zu ergründen sucht. Die räumlich greifenden Figurenfragmente in Skulptur und Zeichnung bestechen durch eine innewohnende Spannung und oftmals auch spekulativer Tektonik der Elemente zueinander, jenseits gesicherter und offensichtlicher Gründungen.

Das Fallen, die Instabilität, die Fragilität und der stützende Bezug zu statisch wirksamen Elementen von Wand und Boden formen das Bild spannungsreicher individueller Körperannäherungen im Raum.
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Marwans malerisches Werk hingegen erschafft eine atmosphärisch dichte Beschreibung menschlicher Physiognomie aus additiv und sorgfältig gesetzten, fragmentierten Bildelementen, die in einem farblichen und formalen Verbund zueinanderstehen. Die Werke des syrischen Künstlers offenbaren aus unterschiedlichen Betrachtungsabständen jeweils eigenständige Bildinformationen, die sich aus einer Veränderung der Verbundwirkung von den sie konstituierenden bildnerischen Elementen herrühren.

In der Detailsicht überwiegt das einzelne, malerisch gesetzte Element in Abstraktion, welches in der Distanzbetrachtung sich zu immer figürlicheren Farbfeldern vereint. Der dabei entstehende Eindruck ist ein dynamisches Oszillieren zwischen figurativer und abstrakter Bildinformation, dabei sich einer eindeutigen ikonographischen Motivfixierung widersetzend. Ähnlich wie in den anamorphotischen Bildwerken der Renaissance ist für die umfängliche Erkundung des Bildes die räumliche Bewegung des Betrachters vonnöten, der sich so die verschiedenen Bildebenen schichtweise zu erschließen vermag.
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Was aber macht diese Ausstellung gerade jetzt so besonders und wirkungsvoll?

Es erscheint mir, dass das Motiv des menschlichen Antlitzes besonders geeignet ist dem Moment einer global geteilten Instabilität und Vereinzelung Ausdruck zu verleihen, denn in ihm zeigt sich auf eindrückliche Weise das Wesen der Pandemie, die seit einem Jahr die Welt beherrscht.

Die Reduktion menschlicher Kommunikationsfähigkeit durch eine von Masken eingeschränkte Physiognomie oder auch das flach gerasterte Pixelbild als (augen)-kontaktloses Abbild des Gegenübers führen zu einer Neubewertung menschlicher Nähe, Körperlichkeit und ganzheitlicher sinnlicher Erfahrungswelt, die eingespannt zwischen Kamera, Monitor und Tastatur unsere persönlichen Weltzugänge verengt.

Die Ausstellung MARWAN / FRANZ BERNHARD im Kunst Kabinett Tiefenthal spricht somit einerseits über die Fragilität, die unsere Existenz auszeichnet, sie spricht aber auch über die Möglichkeiten sinnlichen Erlebens, welche beide entlang eines Lebens beständig zueinander in Balance gesetzt werden müssen.

Diese Ausstellung ist gerade jetzt von Bedeutung, denn die ausgestellten Werke erreichen uns heute auf ganz besonders zwingende und wertvolle Weise, führen sie uns doch diese elementaren Bedingungen unserer Existenz auf künstlerische Weise vor Augen.

Dies gesagt wünsche ich der Ausstellung ein gutes Gelingen.

Berlin, im April 2021

Professor Dr. Norbert Palz